Die Baureihe 119 der Deutschen Reichsbahn
Zweite Geburt
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Zweite Geburt

Im April 1992 wurde die erste InterCity-Lok der Reihe 229 nach dem Umbau an die Reichsbahn übergeben

Der von der Deutschen Reichsbahn Ende 1991 herausgegebene Umzeichnungsplan wies sie bereits aus, die Baureihe 229, doch noch stand diese Bezeichnung nur auf dem Papier. Erst am 2. April 1992 kam es zum Roh out“ der ersten von zwanzig 229 bei der Krupp Verkehrstechnik GmbH in Essen. Es ist kein Lokneubau, die 229 hat ihren Ursprung in der DR- Reihe 119 (neu 219). Diese war als Ablösung der Dampfloks auf den Nebenstrecken der DR vorgesehen. Gebunden an die Spezialisierungsvereinbarungen des Rates für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) mussten die 119er aus rumänischer Hand kommen.

1974 erteilte die DR der ,,Lokomotivfabrik 23 August“ in Bukarest den Auftrag zum Bau von zwei Prototypen. Trotz bewährter Bauteile der Reihen 106 (346), 110 (201) und 118 (228) konnten die in der Folgezeit produzierten Maschinen nie vollkommen ihre Kinderkrankheiten ablegen. Rückgängige Transportleistungen nach der Wende, vor allem im Güterverkehr auf Nebenstrecken, bedeutete für viele Maschinen einen vorzeitigen Abschied vom Dienst. Als Ersatzteilspender wurden in Halle 20 Maschinen fast gänzlich geleert. Ausgenommen wie eine Gans war der Weg jedoch nicht zum Schneidbrenner vorgesehen, sondern zur Radikalkur. Im April 1991 rollten mehrere Lokzüge von der Saale an die Ruhr. Krupp übernahm den Auftrag für den als ,,Remotorisierung“ bezeichneten Neuaufbau. Geblieben sind die Spurweite, sechs Achsen, das dieselhydraulische Antriebskonzept und das äußere Erscheinungsbild mit den Bullaugen an der Seite. Nicht nur fehlende Teile und Unterlagen verschoben den Fertigstellungstermin immer wieder. Individuell gehandhabte Herstellung und Vermassung der Erstgeburt zwangen zu Nacharbeiten, die auf keinen Zeichnungen vermerkt waren. Als erste stand die 229 100 am 2. April 1992 im Krupp - Werk bereit. In den traditionsreichen Hallen warteten weitere sieben Loks (119 120/173/171/193/113/199 und 102) in verschiedenen Arbeitsständen auf die Fertigstellung. Doch steht nicht nur die 229 in den Auftragsbüchern von Krupp, auch der ICE hat hier in Form der Triebköpfe seine Geburtsstätte. Im Morgengrauen des verregneten 3. April rollte die 229 100 am Haken einer 365 in den Bahnhof Essen Nord.

8.32 Uhr zeigte das Ausfahrtsignal Richtung Osten ,,Frei Vmax“. Lokführer Herbert Wagner vom Bw Halle G startete nacheinander die beiden MTU-Motore, die bereits im Juni 1991 auf den Prüfständen des am Bodensee ansässigen Unternehmens ihre Leistungsbereitschaft zeigen konnten. Auf Güterzuggleisen rollte die 229 als Leerzug 83420 durchs Ruhrgebiet bis Paderborn. Dort ein kurzer Stop, ein neuer Fahrplan wurde benötigt. Für die sieben Passagiere war es nicht allzu bequem auf der Lok. Eigentlich war das Überführen mit verschiedenen Messuntersuchungen durch einen separaten Messwagen geplant gewesen. Statt dessen ratterte im Vorraum der 229 ein Gerät mit mehreren Messstreifen, auf der anderen Seite brummte ein Hilfsdieselaggregat, eigens für das kleine Messinstrument installiert. Um 12.15 Uhr erreichte die Lok weit vor Plan Kassel Güterbahnhof. Nun zeigte sich, wie wichtig die Zugfunkanlage in der heutigen Zeit ist. Doch war bei der 229100 an Stelle der hochmodernen MESA 2000 ein gähnendes Loch, der Einbau sollte erst in Halle erfolgen. Für Herbert Wagner hiess das, die weit abgelegene stationäre Rufanlage zu nutzen. Am Zwergsignal 43511 stand die 229 100, regelmäßig rollten ICE und EC/IC Richtung Süden bzw. Norden vorbei. Dass der im Nebengleis stehende Leerkesselwagenzug für die 229 bereit stand, wusste bis dato niemand. Als Übel der langen Wartezeit stellte sich ein fehlender Anruf zur Vorbereitung der Fahrplantechnologie ab Kassel heraus. Endlich, um 17.55 Uhr, rollte es wieder. Am Haken der 430 t schwere Zug, Zugnummer 48480. Mit 1800 Umdrehungen pro Minute fuhren die beiden Maschinenanlagen an ihrer Leistungsgrenze.  Das Streckenprofil entlang des Kaufunger Waldes verlangte der 229 einiges ab. "Einfahrt frei und Durchfahrt" zeigte die Einfahrt von Eichenberg, doch einige Meter hinterm Signal stand der Zug. Maschinenschaden, ausgelöst durch eine geplatzte Ölleitung. Mit einer Maschinenanlage rollte der Zug in den Bahnhof. Die erfahrenen Krupp-Mechaniker griffen beherzt zum Werkzeug, eine Ersatzmaschine musste nicht angefordert werden.

Endlich rollte der Zug um 2.35 Uhr im Güterbahnhof Halle (Saale) ein. Nach gut einer Stunde stand dann die Lok wieder im Schuppen ihres ehemaligen Heimat - Bahnbetriebswerkes Halle G, von wo aus sie vor gut einem Jahr zur Kur Richtung Westen aufbrach. Nach umfangreichen Versuchen, insbesondere im Hinblick auf die Energieerzeugung für IR/IC- Züge, wird die 140 km/h schnelle Lok in ihre neue Heimat, das Bw Berlin-Pankow, überführt werden. Hauptsächlich IR- und IC- Züge ab Berlin werden das künftige Betätigungsfeld der neuen Baureihe 229 sein.

 

Technisches Daten zur 229

Die neue Baureihe 229 ist mit zwei Zwölf ­ Zylinder - MTU - Dieselmotoren der Bauart 12V396 mit je 1240 kW (1686 PS) Leistung ausgerüstet (Baureihe 219: 2x955 kW). Dazu besitzt jeder Motor einen angeflanschten Generator, der maximal 400 kVA (insgesamt also 800 kVA> Heizleistung abgeben kann (219: insgesamt 500 kVA).  Die Lokomotiv - Steuerung ist so ausgelegt, dass maximal 2x906 kW Traktionsleistung zur Verfügung stehen (die Generatorleistung wird dann entsprechend reduziert). 

Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 140 Stundenkilometern (219: 120 km/h). Durch den Umbau sollen insbesondere auch die Energieprobleme,  welche die DR­Loks der Reihen 232(132> und 219(119) bei der Versorgung der stromfressenden IR-Bistro-Wagen  haben, gelöst werden.  Bislang müssen IR und IC nach Berlin mit 219 in Doppeltraktion befördert werden, wobei eine  Lokomotive nur der Stromversorgung dient.